"Die Arbeit von Betroffenen muss strukturell unterstützt werden"

Interview

Ibrahim Arslan überlebte den rassistischen Brandanschlag in Mölln 1992 und kämpft seit Jahren für eine Erinnerungskultur, die aus der Perspektive von Betroffenen erzählt wird. Nun ist er mit dem Film „Die Möllner Briefe“ quer durchs Land getourt. Ein Gespräch über besondere Begegnungen, Solidarität und politische Verantwortung.

Drei Personen sitzen auf einer Bühne in einem vollen Kinosaal
Teaser Bild Untertitel
Ibrahim Arslan bei einer Filmvorführung von "Die Möllner Briefe" in Bremen.

Derya Türkmen: Herr Arslan, Sie waren in den vergangenen Monaten in vielen Städten unterwegs und haben zahlreiche Vorführungen des Films „Die Möllner Briefe“ begleitet. Mit welchen Erwartungen sind Sie ursprünglich in diese Filmtour gestartet?

Ibrahim Arslan: Ich muss zugeben, dass ich mit sehr viel positiver Resonanz gerechnet habe. Der Film ist für mich und meine Familie auch ein Stück weit ein Geschenk an die Gesellschaft. Wir öffnen damit eine Perspektive, die lange unsichtbar war, und teilen eine Geschichte, die nicht nur unsere eigene ist, sondern Teil der deutschen Zeitgeschichte geworden ist. Gleichzeitig war es uns wichtig, diese Perspektive selbst zu begleiten – also nicht nur den Film zu zeigen, sondern auch anwesend zu sein, Fragen zu beantworten und mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen.

Was war Ihnen dabei besonders wichtig?

Ein großer Wunsch war außerdem, Menschen zu treffen, die uns damals Briefe geschrieben haben. Die Briefe, um die es im Film geht, wurden nach dem rassistischen Brandanschlag von Mölln 1992 an unsere Familie geschickt. Viele dieser Briefe sind jedoch nie bei uns angekommen. Deshalb hatte ich die Hoffnung, dass vielleicht jemand im Publikum seinen eigenen Brief wiedererkennt oder sich daran erinnert, damals geschrieben zu haben. Solche Begegnungen hätten für mich eine ganz besondere Bedeutung.

Geht es dabei also auch um eine Art Wiederbegegnung mit der damaligen Solidarität?

Ja, genau. Diese Briefe waren damals ein starkes Zeichen der Solidarität aus der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es ja so, dass viele dieser Gesten uns nie erreicht haben. Deshalb hat mich interessiert, ob Menschen heute noch eine Verbindung zu diesen Briefen haben – ob sie sich erinnern oder vielleicht sogar ihren eigenen Beitrag wiederentdecken.

Darüber hinaus ging es mir auch darum, die Erinnerungskultur in Deutschland noch einmal herauszufordern. Wenn es in Mölln tausende Briefe gab, die nie wirklich Teil der öffentlichen Erinnerung geworden sind, könnte es ja sein, dass es auch an anderen Orten ähnliche Geschichten gibt – etwa in Hanau, Rostock oder Hoyerswerda. In diesem Sinne war die Filmtour auch eine Einladung, die Erinnerungskultur aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Es gab mehrere sehr bewegende Momente. In Münster zum Beispiel kam nach einer Vorführung eine ältere Dame auf mich zu. Sie war sich sicher, dass sie damals einen Brief geschrieben hatte.

Gab es während der Tour Begegnungen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Ja, es gab mehrere sehr bewegende Momente. In Münster zum Beispiel kam nach einer Vorführung eine ältere Dame auf mich zu. Sie war sich sicher, dass sie damals einen Brief geschrieben hatte, konnte sich aber nicht mehr genau erinnern, ob dieser tatsächlich angekommen war.

Wie ist es dann weitergegangen?

Wir haben daraufhin gemeinsam recherchiert und die Briefe im Archiv noch einmal überprüft. Tatsächlich konnten wir ihren Brief finden. Wir haben ihn ihr später digital zugeschickt und ihr damit gewissermaßen ihren eigenen Brief zurückgegeben. Das war ein sehr emotionaler Moment – für sie, aber auch für uns. Man merkt in solchen Situationen, wie stark diese Geschichte Menschen über Jahrzehnte hinweg begleitet.

Gab es noch andere Begegnungen, die Sie besonders bewegt haben?

Ja, eine andere Begegnung hatte ich bei einem Filmfestival in Österreich. Dort kam ein Mann mit seinem kleinen Sohn ins Kino. Die beiden wollten eigentlich nur kurz hineinschauen, um zu sehen, ob der Film etwas für sie sei oder ob sie vielleicht doch lieber einen anderen Film ansehen würden.

Und dann hat sich während des Films etwas verändert?

Genau. Als er die ersten Szenen mit den Kinderbriefen gesehen hat, erinnerte er sich plötzlich daran, dass er selbst als Kind ein Bild geschickt hatte. Daraufhin hat er seinem Sohn gesagt, dass sie im Kinosaal bleiben. Die beiden haben sich dann den gesamten Film angeschaut und sind danach noch mit uns ins Gespräch gekommen.

Jetzt möchte er versuchen herauszufinden, welches der Kinderbilder möglicherweise von ihm stammen könnte. Das ist natürlich nicht ganz einfach nachzuvollziehen, aber allein dieser Wunsch zeigt, wie stark diese Erinnerungen noch wirken.

Solche Momente zeigen sehr deutlich, wie sehr diese Geschichte viele Menschen auch Jahrzehnte später noch berührt.

Der rassistische Brandanschlag in Mölln 1992, den Ibrahim Arslan als kleines Kind überlebte, zerstörte die Leben mehrerer Familien. Nach dem Anschlag schickten Menschen aus ganz Deutschland Briefe, um ihre Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern auszudrücken. Doch die Schreiben erreichten die Familien nie – sie blieben bei der Stadt Mölln liegen. Erst drei Jahrzehnte später stieß eine Studentin im Stadtarchiv zufällig auf sie. Der Dokumentarfilm "Die Möllner Briefe" der vielfach ausgezeichneten Regisseurin Martina Priessner erzählt die Geschichten der Opfer und Überlebenden der rassistischen Brandanschläge in Mölln 1992 und von der großen Solidarität, die lange im Verborgenen blieb.

Wie war es für Sie, den Film an so vielen unterschiedlichen Orten zu zeigen?

Die Filmtour war ziemlich intensiv. Innerhalb eines Monats bin ich mehr als 10.000 Kilometer gefahren. Teilweise waren wir an einem Wochenende in vier verschiedenen Städten unterwegs. Es gab sogar Tage, an denen zwei Filmvorführungen in unterschiedlichen Städten stattfanden. Dann sind wir nach einem Screening direkt ins Auto gestiegen, zur nächsten Veranstaltung gefahren und haben dort erneut ein Gespräch mit dem Publikum geführt.

Das war natürlich anstrengend, aber auch eine sehr besondere Erfahrung, weil wir so viele unterschiedliche Orte und Menschen kennengelernt haben.

Was ist Ihnen bei diesen Begegnungen besonders aufgefallen?

Was mich besonders beeindruckt hat, war die große Solidarität vieler Menschen. In den meisten Städten wurden wir sehr offen empfangen. Menschen haben uns Bücher geschenkt, uns zum Essen eingeladen oder angeboten, dass wir bei ihnen übernachten können. Man hat gemerkt, dass viele Besucherinnen und Besucher nicht nur einen Film sehen wollten, sondern wirklich an einem Austausch interessiert waren.

Gab es dabei Unterschiede zwischen den einzelnen Orten?

Ja, die gab es durchaus. In manchen Städten war das Publikum sehr groß und die Diskussionen sehr intensiv, in anderen Städten waren die Veranstaltungen kleiner und persönlicher. Aber überall hat man gemerkt, dass der Film Gespräche auslöst und Menschen dazu bringt, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Eine Beobachtung war für mich besonders interessant: Je näher wir an Mölln waren, desto kritischer wurden teilweise die Reaktionen. Je weiter wir uns räumlich entfernt haben, desto mehr Solidarität haben wir erfahren.

Wir erklären Sie sich das?

Das bedeutet nicht, dass es in Mölln keine solidarischen Menschen gibt – im Gegenteil. Es gibt dort viele Menschen, die unsere Perspektive unterstützen. Aber es gibt eben auch eine kleine Gruppe von Menschen, die unsere Perspektive sehr stark infrage stellt oder sogar ablehnt. Außerhalb von Mölln hingegen haben viele Menschen unsere Geschichte sehr offen aufgenommen und uns viel Unterstützung entgegengebracht.

Das Filmteam von "Die Möllner Briefe" posiert vor dem Filmplakat bei der Premiere in Berlin
Das Filmteam von "Die Möllner Breife" bei der Premiere in Berlin

Gab es darüber hinaus auch regionale Unterschiede bei den Veranstaltungen selbst?

Ja, die gab es ebenfalls. In einigen Städten – besonders in größeren Städten – waren die Veranstaltungen sehr gut besucht. Dort saßen teilweise mehrere hundert Besucherinnen und Besucher im Publikum. Die Diskussionen im Anschluss an die Filmvorführungen waren entsprechend intensiv und es wurden viele Fragen gestellt.

In manchen ostdeutschen Städten war das Interesse deutlich geringer. Wir waren zum Beispiel in Chemnitz, Hoyerswerda und Halle. Dort kamen teilweise nur zehn oder zwanzig Menschen zu den Screenings, obwohl wir im Vorfeld relativ viel Werbung gemacht hatten.

Hat Sie das überrascht?

Ja, das hat mich tatsächlich überrascht. Gerade Orte wie Hoyerswerda sind ja selbst Teil der Geschichte rassistischer Gewalt in den frühen 1990er Jahren. Deshalb hätte ich erwartet, dass dort vielleicht besonders viele Menschen kommen würden, um sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen.

Gab es während der Tour auch konfliktreiche oder schwierige Situationen?

Ja, eine besonders prägende Situation gab es bei einer Vorführung in Hamburg. Dort versuchte der Kinobetreiber, mich aus dem Kino zu werfen, weil ich ein Palästina-T-Shirt trug. Er warf mir Antisemitismus vor.

Im Publikum waren jedoch auch jüdische Menschen, die sich klar gegen diese Vorwürfe stellten. Einer von ihnen kam sogar auf die Bühne und sagte öffentlich, dass er sich von diesem T-Shirt nicht angegriffen fühle. Für mich war das eine sehr widersprüchliche Situation: Wir zeigen einen Film über rassistische Gewalt, über Erinnerung und Solidarität – und gleichzeitig wird während dieser Veranstaltung versucht, mich aus dem Raum zu entfernen.

Solche Momente werfen natürlich Fragen auf. Zum Beispiel die Frage, wann Solidarität möglich ist und wann sie plötzlich Grenzen bekommt.

Welche Reaktionen aus dem Publikum haben Sie besonders überrascht?

Viele Menschen waren überrascht darüber, wie die Verwaltung damals mit den Briefen umgegangen ist. Für mich ist das leider nichts Neues – Menschen mit migrantischer Geschichte erleben institutionelle Ungleichbehandlung immer wieder.

In den Gesprächen habe ich deshalb oft gefragt, wie die Stadt wohl reagiert hätte, wenn es sich um eine weiße deutsche Familie gehandelt hätte. Viele im Publikum meinten, die Briefe wären dann vermutlich sofort zugestellt worden. Das zeigt, dass struktureller Rassismus vielen Menschen durchaus bewusst wird – oft aber erst, wenn sie mit konkreten Beispielen konfrontiert werden.

Die 'Möllner Briefe' sind Teil einer Erinnerungskultur, an der wir als Betroffene seit vielen Jahren arbeiten.

Welche Rolle spielt der Film Ihrer Meinung nach für die Erinnerungskultur in Deutschland?

Die „Möllner Briefe“ sind Teil einer Erinnerungskultur, an der wir als Betroffene seit vielen Jahren arbeiten. Der Film ist dabei nur ein Baustein dieser Arbeit. Wir beschäftigen uns seit Jahrzehnten mit der Frage, wie Erinnerung aus der Perspektive der Betroffenen erzählt werden kann.

Was bedeutet es konkret, Erinnerung aus der Perspektive der Betroffenen zu erzählen?

Das bedeutet vor allem, dass diejenigen, die Gewalt erlebt haben, selbst zu Wort kommen und ihre Erfahrungen sichtbar machen können. In vielen Fällen wurde Geschichte lange aus der Perspektive von Institutionen oder Mehrheitsgesellschaft erzählt – weniger aus der Perspektive der Menschen, die unmittelbar betroffen waren.

Sehen Sie in dieser Hinsicht Parallelen zu anderen Bereichen der deutschen Erinnerungskultur?

Ja, durchaus. Wenn man sich die deutsche Geschichte anschaut, erkennt man viele Parallelen. Auch Shoah-Überlebende mussten über Jahrzehnte dafür kämpfen, dass ihre Perspektiven gehört werden. Es ging dabei nicht nur um Erinnerung, sondern auch um Fragen von Anerkennung, Entschädigung und Verantwortung. Viele dieser Kämpfe werden bis heute von den Betroffenen selbst getragen. Das ist auch bei uns so.

Ibrahim Arslan spricht bei einer Gedenkveranstaltung, neben ihm sind drei großformatige Fotos seiner beim Brandanschlag ums Leben gekommenen Angehörigen zu sehen.
Filmszene aus "Die Möllner Briefe"

Welche Verantwortung tragen aus Ihrer Sicht Politik und staatliche Institutionen?

Aus meiner Perspektive tragen sie bisher viel zu wenig dazu bei. Es gab beispielsweise keine politischen Konsequenzen für den Umgang der Stadt Mölln mit den Briefen. Kein staatliches Organ hat ernsthaft untersucht, warum diese Briefe nie bei unserer Familie angekommen sind.

Das heißt es fehlt an einer ernsthaften politischen Aufarbeitung?

Ja, genau. Bis heute ist nicht wirklich geklärt worden, wie es dazu kommen konnte, dass diese Briefe uns nie erreicht haben. Dabei wäre das eigentlich eine wichtige Frage, wenn man über Verantwortung und Erinnerung spricht.

Unsere Arbeit wird zwar oft gelobt und als wichtig bezeichnet. Aber strukturelle Unterstützung bleibt aus. Das zeigt für mich ein grundlegendes Problem: Die Arbeit der Betroffenen wird zwar anerkannt, aber sie wird nicht wirklich unterstützt.

Gab es denn politische Reaktionen auf den Film oder auf die Diskussionen, die er ausgelöst hat?

Eigentlich kaum. Es hat sich zum Beispiel kein hochrangiger Politiker gemeinsam mit uns den Film angeschaut oder öffentlich Stellung dazu bezogen. Unsere Arbeit wird zwar oft gelobt und als wichtig bezeichnet. Aber strukturelle Unterstützung bleibt aus. Das zeigt für mich ein grundlegendes Problem: Die Arbeit der Betroffenen wird zwar anerkannt, aber sie wird nicht wirklich unterstützt.

Wie bewerten Sie die aktuelle gesellschaftliche Debatte über Rassismus in Deutschland?

Rassismus ist kontinuierlich präsent. Er verändert manchmal seine Form, aber er verschwindet nicht. Es gibt eine Kontinuität. Gleichzeitig wird oft so getan, als sei Rassismus ein Problem der Vergangenheit.

In Wirklichkeit ist er ein strukturelles Problem, das bis heute existiert. Und oft wird er sogar genutzt, um von anderen gesellschaftlichen Problemen abzulenken.

Welche Rolle können Kultur, Filme und öffentliche Gespräche dabei spielen, politische Debatten anzustoßen?

Kunst und Kultur können Räume öffnen, in denen neue Perspektiven sichtbar werden. Mit den „Möllner Briefen“ erzählen wir nicht nur unsere eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte der Menschen, die uns damals geschrieben haben.

Damit entsteht eine Verbindung zwischen verschiedenen Erfahrungen. Menschen erkennen, dass Solidarität selbst eine Form von Betroffenheit sein kann.

Außerdem motiviert diese Arbeit andere Betroffene, ihre eigenen Geschichten zu erzählen oder sich politisch zu engagieren.

Wenn Sie einen Wunsch an Politik und Gesellschaft formulieren könnten – was sollte aus den Erfahrungen von Mölln gelernt werden?

Mein Wunsch ist eigentlich seit vielen Jahren derselbe: Die Arbeit von Betroffenen muss ernst genommen und strukturell unterstützt werden.

Das bedeutet auch, Institutionen zu schaffen, in denen Betroffene im Bildungs- und Kulturbereich arbeiten können. Diese Arbeit ist nicht nur für uns wichtig, sondern für die gesamte Gesellschaft.

Wenn wir wirklich eine antirassistische Gesellschaft werden wollen, braucht es langfristige Veränderungen – im Bildungssystem, in politischen Institutionen und im gesellschaftlichen Denken. Ohne solche Veränderungen wird sich die Geschichte immer wieder wiederholen.


Der Film "Die Möllner Briefe" wurde auch gemeinsam mit zahlreichen Landesstiftungen der Heinrich-Böll-Stiftung in unterschiedlichen Städten gezeigt. Eine Übersicht von vergangenen und kommenden Filmvorführungen finden Sie hier